Ein Wischer reicht
(Aus Band I: UNDO)
Jadoo Minus McMalifax hatte die Situation wieder einmal nicht im Griff. Eigentlich wollte er sich doch nur mit seinem bunten Tuch aus Feenseide ein paar Schweißperlen von der Stirn tupfen – eine kleine, rein zweckdienliche Bewegung, die bei jedem anderen Zauberer keinerlei Magie hervorgerufen hätte. Doch bei ihm verliefen die Dinge nie wie bei anderen.
Als das magische Tuch in seiner Hand plötzlich sanft aufschimmerte, geschah – wie so oft – etwas vollkommen Unvorhersehbares.
Zur frühen Stunde krähten überall in der hübschen Stadt die zahlreichen stolzen Hähne. Doch diesmal taten sie es nicht auf ihre übliche, unüberhörbare und prahlerische Art.
Anstelle des durchdringenden Kikerikis sprudelten aus ihren Schnäbeln plötzlich schillernde, ätherisch leichte Seifenblasen. Lautlos stiegen sie über die aufgeregt ruckenden Kämme auf und schwebten gemächlich in alle Richtungen davon.
Schon bald tanzten die bunten Blasen durch Straßen und Gassen, hinauf bis in den blassen Morgenhimmel. Sie glitten durch offene Fenster und Türen, überall dort hinein, wo irgendetwas offenstand. Kein Geräusch begleitete sie – nur stille, schimmernde Präsenz, als wären sie auf einer geheimnisvollen Reise.
Doch dann geschah es.
Mit einem Mal ließ jede einzelne der unzähligen Seifenblasen den in ihr ent-haltenen Hahnenruf frei. Als hätten sie sich auf ein geheimes Signal geeinigt, erfüllte plötzlich ein vielstimmiges, ohrenbetäubendes Krähen die Luft.
„Oh nein, verflixt!“, murmelte Jadoo und nahm das Unheil mit einem nervösen Schulterzucken zur Kenntnis. Er reckte das Tuch nochmals hoch in die Luft, drehte es verzweifelt hin und her und bemühte sich, das Missgeschick ungeschehen zu machen – ohne den geringsten Erfolg.
„Was habe ich jetzt schon wieder angerichtet …“
Das Krähen hallte durch die Straßen, wurde von den Häuserwänden zurückgeworfen und durch das Echo noch verstärkt. Verwirrte Gesichter erschienen an Fenstern und Türen. Zögernd wagten sich die Menschen auf die Straßen, warfen aufgeschreckte Blicke umher und suchten nach der Ursache dieses infernalischen Weckrufs.
Da bemerkte Jadoo eine dunkle Gestalt, die sich mit ruhiger Eleganz durch das Chaos näherte. Es war Hadir Pan – der menschliche Avatar von Panique. Sein schwarzes, fließendes Gewand und der kunstvoll geschlungene Turban verliehen ihm eine geheimnisvolle Präsenz. Kurz vor Jadoo blieb er stehen, ließ den Blick schweifen, und unter dem mitternachtsblauen Stoff hoben sich seine Mundwinkel zu einem kaum merklichen Lächeln.
„Nun“, bemerkte er trocken, „das nenne ich eine effektvolle Morgendämmerung.“
Jadoo starrte ihn irritiert an. „Wer … wer bist denn du?“
„Eine Frage, die wir uns gelegentlich selbst stellen“, erwiderte Hadir Pan ausweichend. „Sagen wir einfach: Wir sind auf ungewöhnliche Ereignisse spezialisiert. Und du scheinst gerade genau so eines ausgelöst zu haben.“
Jadoo deutete hilflos auf die letzten zerplatzenden Seifenblasen. „Ich wollte mir doch nur den Schweiß von der Stirn wischen! Und jetzt habe ich die ganze Stadt aufgeschreckt. Sie werden mich dafür hassen.“
Hadir Pan lachte leise. „Vielleicht. Aber eher werden sie dich niemals vergessen.“
Er sah Jadoo prüfend an. „Verstehst du dich eigentlich selbst?“
Jadoo seufzte. „Magie ist nicht meine Stärke. Sie passiert mir einfach. Und meistens genau dann, wenn ich sie am wenigsten gebrauchen kann.“
„Und doch“, antwortete Hadir ruhig, „scheinst du jemand Besonderes zu sein.“
Allmählich verstummte das Krähen. Eine spürbare Stille legte sich über den Platz. Jadoo betrachtete sein Gegenüber – und ahnte, dass dieser leicht verunglückte Morgen vielleicht mehr verändern würde, als ihm lieb sein könnte.
© Rainer Gerber
Roman
UNDO ist der erste Band einer Fantasy-Trilogie über Unmagie, Verantwortung, den freien Willen und das fragile Gleichgewicht zwischen Chaos und Kontrolle.
Im Mittelpunkt steht Jadoo Minus McMalifax – der liebenswerte Unzauberer, dem seine Magie leider nicht gehorcht, sondern einfach passiert.
Eine kleine Geste von ihm genügt, um eine ganze Stadt aus der Ruhe zu bringen. Und eine einzige Begegnung, um alles entscheidend zu verändern ...
Dialog und Resonanz