Lyrik

PassantInnen
Ein Mensch in der Menge
Ein Gesicht wie kein anderes
Ein beiläufiger Blick
Eine entgegenkommende Frage
Eine passierte Begegnung
Eine unerhörte Einbildung
Eine fragwürdige Annahme
Ein flüchtiges Spiegelbild
Eine fantasierte Figur
Eine vorübergehende Chance
Eine verlorene Form
Ein für alle Mal
Einweg

© Rainer Gerber

Annahme

Ich nahm an

ich sei

am Ende

schon

so weit

so gut.

Halte inne:

Blicke zurück

Blicke voraus

Erkenne jetzt:

Beziehung

Familie

Kinder

Arbeit

Freunde

Freude

Leid

Glück

Schmerz

Liebe

Abschied

Aufbruch

Hoffnung

Das Flüchtige.

Die Fülle.

Denke nicht mehr

ich wäre schon

am Ende

so weit

gut so:

Nehme mich an.

Halte fest.

Lasse los.

Glaube jetzt.

Nehme es an:

Im freien Fall

in jedem Augenblick

ist Leben genug.

© Rainer Gerber

SelbstGespräch

Ich streife durch unser Haus

gehe von Zimmer zu Zimmer

Die Räume stehen voller Möbel

jedes Stück an seinem Platz

keines wird verrückt, nur ich

denn trotzdem ist alles leer

hier lebt sonst niemand mehr

Stille herrscht an diesem Ort

Schweigen hat das letzte Wort

Die anderen sind ihrer Wege

ich bin unterwegs mit mir

Gerahmte Fotos an der Wand

Augenblicke hinter Glas

Zeit gebannt

Die Spiegelbilder sagen nicht

wieso das alles

warum

wozu

Die Fragen geben niemals Ruh

Ich ziehe weiter, bleibe stehen

die Zukunft ist nicht vorauszusehen

Nur Gegenwart ist ständig jetzt

ich bin allein, zu guter Letzt

Das Ticken unserer großen Uhr

tropft unaufhörlich in den Flur

Zeit hinterlässt so ihre Spur

Ich spüre, wie sie abläuft

das Leben darin absäuft

Verlassen ist das ganze Haus

höchste Zeit

ich will raus

© Rainer Gerber

Im Fluss

Ich ritz in einen flachen Stein

die Zauberworte sorgsam ein.

Dann werf ich diesen Kiesel rund,

flink in den breiten Fluss hinein.

Oft hüpft er noch auf, verspielt.

Doch dann, vom Wasserlauf umspült,

sinkt er hinab alsbald,

bis auf den tiefen Grund

im Nass so kalt.

Die Worte, die mir wichtig waren,

wird nun das Flussbett aufbewahren.

Wer weiß jedoch, ob irgendwann nicht

irgendwer den alten Stein entdeckt,

irgendwo im Uferdreck

von Grün bedeckt?

Ihn findet, aufliest; Zufall nur.

Und dann damit zugleich die Spur,

die ich auf ihm so gut versteckt.

Am Ufer bleib ich stehn, kann sehn,

wie Wellen rings um ihn vergehn.

Doch bald schon, nach nur kurzer Weile,

erfasst mich abermals die Eile,

Muss weiter meines Weges ziehn.

© Rainer Gerber

Verdichtete Texte zwischen Wahrnehmung und Sprachspiel

DenkSpiel

Das Spiegelbild im Bild.

Das sich in Augen spiegelt.

Die das Bild braucht.

Die statische Bewegung.

Das flüchtige Ereignis.

Das nicht Statt findet.

Der flächige Raum.

Die räumliche Illusion.

Der abgründigen Fläche.

Da findet kein Leben statt.

Das Bild wird beschrieben.

Die Schrift schreibt es.

Das Abbild des Denkens.

Das Spiegelbild vom Bild.

Das sich widerspiegelt.

Dort auf Papier.

Das Spiel ohne Grenzen.

© Rainer Gerber