Prosa
Strandwanderung
(Leseprobe)
Mein Atem beim Gehen kommt, bleibt kurz und geht dann wieder, weiter im fließenden Wechsel.
Die beim Wandern hinter mir zurückgelassenen Fußspuren im Sand werden von Wind und Wasser nach jedem Schritt rasch wieder verwischt.
Das macht das Meer, das mit den Gezeiten atmet, dessen Wogen sich heben und senken, ganz gemäß den Gesetzmäßigkeiten des Kosmos.
Prickelnder Sand wird feinkörnig auf meine Haut geweht. Den salzigen Geschmack der Luft spüre ich auf den trockenen Lippen. Meine Augen blinzeln im strahlend hellen Sonnenlicht.
Jeder einzelne Schritt ist ein weiterer Schritt voran, genau so, mit diesem Abdruck auf dem weichen Untergrund nie wieder exakt wiederholbar, also streng genommen einmalig.
All diese unzähligen, bedeutungslosen und zugleich einzigartigen Spuren lasse ich achtlos hinter mir zurück.
Meine Augen blicken zum Meer hin und schweifen weiter bis zu den hügeligen Dünen.
Dort wirkt der Wind als sanft wogender Schleier, wie er durch das dichte, grüne Strandgras streicht.
Unter meinen nackten Fußsohlen gibt der feine Sand bei jedem Auftreten weich nach, während er zugleich leicht spröde zerbröselt.
Ein langgezogenes, dunkles Flechtwerk aus Tang und Seegras liegt als schmutziges Band am Strand, von Wellen beleckt und gewiegt.
Während ich weitergehe, sehe ich mich um.
Über den gesamten Küstenstreifen verteilt flattern farbenfroh leuchtende Windschutzbanner. Menschen bevölkern den langen, weißen Sandstrand.
Verstreut liegen und sitzen sie auf bunten Badetüchern in der Sonne, treiben Sport, schwimmen, planschen oder gehen spazieren.
Einige sind mit ihren Hunden unterwegs, andere reiten auf Pferden durch die Gischt der auslaufenden Wellen.
Den einen Fuß vor den anderen setzen. Wieder und wieder. Weiter und weiter.
Immerzu, bis ich nicht mehr merke, wohin, wie lange oder weswegen ich gehe, dass ich überhaupt noch gehe. Selbst- und zeitvergessen.
Eine tiefe Ruhe erwächst aus der gleichmäßigen, gelassenen Bewegung. Der maßvolle Takt meines Ganges beginnt mich auszufüllen, durchdringt mich von innen heraus bis in die Haut.
Ich fühle mich in Balance, im Einklang, im Rhythmus dieses Moments.
© Rainer Gerber
Mondlicht weckt Schatten
Der Mond hängt als unfassbare Kugel im Nachthimmel.
Seine Sichel gleißt weiß im Streiflicht der Sonne, spiegelt sich in meinen Augen wider.
Gespenstische Wolkengebilde schweben duftig durch die sternfunkelnde Nacht und spielen fantastisches Theater für alle.
In ihren fransigen Kostümen fängt sich der fahle Schein.
Der schimmernde Abglanz sickert durch Spalten, Ritzen, Risse, blitzt auf unter zerrissenen Säumen. Er fällt silbrig aus verwehenden Fratzen und Augen.
Das Dunkel der Nacht ist allgegenwärtig, schmiegt sich rings um jedes Ding.
Das Mondlicht aber spielt mit den Schatten Verstecken. Der Mond ist der Erde näher als die Sonne.
Ist uns der Schatten auch näher als das Licht?
© Rainer Gerber
Gold im Kies
Ich stehe im Fluss meines Lebens und schürfe nach Gold.
Schritt für Schritt grabe ich mich tiefer, Schicht um Schicht näher an den Grund. Mit jeder Schaufel füllt sich mein Sieb.
Alles will durchgerüttelt, bereinigt, geprüft sein, bevor es in die Waschpfanne darf.
Unter fließendem Wasser trennen sich Steinchen und Kies vom Glimmer.
Das schwerere Gold sinkt ab, bleibt schimmernd zurück. Nach und nach habe ich viele Schaufeln geschürft, glitzerndes Gold behutsam herausgelesen und den Rest achtlos beiseite geworfen.
Dann halte ich inne.
Denn neben dem Wenigen, nach dem ich suchte, ist eine Menge gut gewaschener Kies geblieben.
Verwendbar, nützlich, wertvoll – für Wege und Beete, für Fundamente und Übergänge.
Vielleicht, denke ich, ist am Ende nicht nur das Gold von Bedeutung.
Vielleicht ist auch der Kies, in seiner Summe, ebenso wertvoll.
© Rainer Gerber
Kurze Erzählformen mit Tiefgang
Krückland
Eine Parabel
Aus einem Land hinter dem Berg
Irgendwo …
Fernab hinter dem Berg liegt Krückland. Seinen merkwürdigen Namen verdankt es den eigenartigen Gebräuchen seiner Bewohner. Sie bewegen sich überall und ausschließlich mit Hilfe von Krücken vorwärts. Schon von Kindeskrücken an sind sie daran gewöhnt.
In ganz Krückland gilt es als selbstverständlich, statt auf eigenen Beinen auf zwei Hilfsstützen durchs Leben zu staken. Und nichts auf der Welt erschiene einem Krückländer barbarischer, fremdartiger und gefährlicher, als auf den zwei naturgegebenen Beinen zu stehen, zu gehen, zu laufen oder zu springen.
In diesem abgelegenen Land ist selbstverständlich für jede Annehmlichkeit bei der Verwendung dieser Fortbewegungshilfen gesorgt. Sämtliche Gebäude sind niedrig oder ebenerdig und haben nur wenige Stockwerke. Wo mehrere Geschosse unumgänglich sind, führen statt schwieriger Treppen bequeme, stufenlos ansteigende Rampen hinauf.
Außerdem gibt es überall eine nahezu unüberschaubare Auswahl an Krücken für die verschiedensten Zwecke: kleine Kinderkrückchen in allen Größen und fröhlichen Farben, robuste Arbeits- und Alltagskrücken, elegante Designer-Krücken für modebewusste Damen und Herren, leichte Fitnesskrücken für den Sport sowie prächtige Ausgeh-, Fest- und Paradekrücken aus Silber oder Gold.
In jeder Schule und Ausbildungseinrichtung werden ohne Ausnahme die einfache Krückenlehre oder die erweiterte Krückologie unterrichtet. Der Lernstoff beginnt bei der grundlegenden Fortbewegung in Theorie und Praxis, führt über fortgeschrittene Schritt- und Laufkünste bis zu eleganten Stolzier- und Stelzkombinationen mit allerlei Kunststücken.
Kurz gesagt: Das gesamte bewegte Leben der Bürger spielt sich in diesem Land auf Krücken ab.
Da Krückland weit hinter dem Berg liegt und fast ganz auf sich selbst gestellt ist, verirrt sich nur selten ein Fremder dorthin. Und falls doch einmal ein Mensch die Grenzen Krücklands überschreitet, ist es bald um seine naturgegebene Fortbewegung auf eigenen Beinen geschehen. Denn strenge Gesetze schreiben jedem innerhalb der Landesgrenzen vor, sich ausschließlich mit Hilfe von Krücken zu bewegen – gleichgültig ob Einwohner, Besucher, Gast oder Durchreisender. Jeder Verstoß wird umgehend und mit unerbittlicher Strenge bestraft, etwa durch eine gewaltsame Zwangsbekrückung oder noch Schlimmeres.
Wie es zu dieser befremdlichen Sitte gekommen ist? Das kam so:
Einst wurde das kleine, friedliebende Volk hinter dem Berg von einem lebensfrohen, klugen und tüchtigen König regiert. Er führte sein Reich zu hoher Blüte, und seine Untertanen lebten lange glücklich und zufrieden in Wohlstand.
Doch eines Tages zeigte sich das Schicksal diesem guten Regenten gegenüber ungnädig. Bei seinem morgendlichen Gang zum Thron stolperte der König über mehrere steile Stufen aus hartem Stein und brach sich beide Beine so unglücklich, dass er trotz aller ärztlichen Kunst danach niemals wieder gehen konnte.
Sein Gram über diesen jähen Verlust seiner Bewegungsfreiheit wurde bald so bitter, dass er keinen Menschen mehr in seiner Nähe ertragen konnte, der sich noch unbeschwert auf eigenen Beinen bewegte.
Daraufhin begannen zuerst die Höflinge, Minister und Ratgeber, sich ihm ebenfalls auf Krücken gestützt zu nähern. So erinnerten sie ihn nicht an seinen Mangel und bekundeten zugleich ihre Gefolgschaft. Manch einer ließ sich aus Treue anfangs sogar freiwillig das eigene Bein brechen. „Das ist doch überhaupt kein Beinbruch“, lautete dafür bald die beschönigende Redewendung bei Hofe.
Doch von dieser schmerzhaften Sitte nahm man bald wieder Abstand. Es zeigte sich nämlich, dass schon das bloße Auftreten auf Krücken genügte, um die Stimmung des Herrschers zu heben. Der Umgang mit ihm wurde spürbar angenehmer. Seine Übellaunigkeit ließ nach, und bald nahm er auch seine Regierungsgeschäfte wieder mit neuem Eifer auf.
So hielt es bald die gesamte Dienerschaft im Palast mit den Krücken. Und da die Sitten bei Hofe schnell zum Vorbild für das ganze Land wurden, sah man bald auch in Städten und Dörfern immer mehr Menschen auf Krücken gehen.
Zu guter Letzt galt es überall als gute Sitte, sich nur noch auf diese Weise fortzubewegen.
Der Erfolg war erstaunlich. Das Fürstentum blühte wieder auf – ja, der Wohlstand wuchs sogar. Ein völlig neuer Wirtschaftszweig entstand: Krückenfortbewegungsschulen sowie Krückenfertigungs- und Reparaturwerkstätten schossen aus dem Boden. Architekten bauten krückengerechte Häuser, und Künstler statteten sogar Statuen und Gemälde mit den unumgänglichen Gehhilfen aus.
So wurde das Leben auf Krücken in diesem Lande zur festen Gewohnheit. Auch die Thronfolger hielten aus Tradition daran fest, bis schließlich niemand mehr wusste, warum man überhaupt Krücken trug. So bewegte sich in Krückland – wie der Name schon sagt – jeder Mensch sein ganzes Leben lang auf Krücken. Und niemand stellte mehr die Frage, warum.
Doch es kam, wie es kommen musste.
Eines Tages verirrte sich ein junger Ziegenhirte immer höher in das Gebirge hinter dem Berg. Er verfolgte ein entlaufenes Zicklein, das sich in die steilen Felsen verstiegen hatte.
Immer wieder entwischte ihm das Tier. Schließlich machte der Hirte einen Fehltritt, verlor das Gleichgewicht und stürzte einen steilen Hang hinab – bis eine alte Baumwurzel seinen Fall aufhielt.
Dort blieb er verletzt und bewusstlos liegen.
Als er kurz wieder zu sich kam, fand er sich unter dem Dach einer einfachen Hütte wieder. Eine junge Frau blickte ihn besorgt an – doch schon schwanden ihm erneut die Sinne.
Die Frau war eine Krückländerin. Sie hatte ihn am Fuß des Abhangs gefunden und in ihre Berghütte gebracht.
Rasch stellte sie fest, dass er zahlreiche Wunden und ein gebrochenes Bein hatte. Mit dem harten Leben in den Bergen vertraut, wusste sie sofort, was zu tun war. Sie versorgte seine Verletzungen und schiente das Bein fachkundig.
Doch über etwas wunderte sie sich sehr: Die Beine des Fremden waren ungewöhnlich kräftig und muskulös. Und nirgends fanden sich die Reste zerbrochener Krücken.
Denn selbstverständlich ging sie davon aus, dass jeder zivilisierte Mensch sich nur auf Krücken fortbewegte.
Während seiner Genesung lernten die beiden nach und nach die Sprache des anderen. Und wie es oft geschieht: Sie fanden Gefallen aneinander.
Doch wie groß war der Schrecken – ja das Entsetzen – der jungen Krückländerin, als ihr Pflegling eines Tages die Krücken beiseitelegen wollte.
Er machte ernstlich Anstalten, mit seinem beinahe geheilten Bein ohne Krücken umherzugehen. Wie barbarisch erschien ihr dieses Verhalten! Tage vergingen, ehe sie wieder ein Wort an ihn richtete.
Die folgende Zeit wurde für beide unerquicklich. Sie fühlte sich zerrissen zwischen Abscheu und Zuneigung, während er nicht verstand, weshalb sie ihm plötzlich mit Ekel begegnete.
Wie hätte er ihr glaubhaft erklären sollen, dass es jenseits ihres kleinen Landes eine große Welt gab, in der Menschen ganz selbstverständlich auf eigenen Beinen gingen, liefen und sprangen?
Doch schließlich siegte ihre Liebe. Im Schutz der kleinen Kate wagte die Krückländerin selbst einen Versuch, auf eigenen Beinen zu stehen.
Die ersten Schritte misslangen kläglich. Ihre Beine waren solche Anstrengungen nicht gewohnt.
Doch der Hirte blieb geduldig. Tag für Tag übte er mit ihr, bis sie schließlich frei stehen und gehen konnte.
Von da an ging – ja, man könnte sagen: lief – alles rasch voran.
Verborgen im Gebirge lernte sie Gehen, Laufen, Tanzen und Springen. Dennoch hüteten sich beide, ihr Können öffentlich zu zeigen.
Sie fanden zueinander und blieben zusammen als Mann und Frau. Auch ihre Kinder lernten später beides: das Gehen auf Krücken und den freien Gang auf eigenen Beinen.
Es wäre wohl noch lange gut gegangen, hätte nicht eines Tages eine Gebirgspatrouille ihren kleinen Sohn am Bach entdeckt – ohne Kinderkrücken.
Damit begann die Verfolgung.
Die Familie floh tiefer in die Berge und fand schließlich Zuflucht in einem verborgenen Hochtal. Dort trafen sie auf andere Menschen, die ebenfalls ohne Krücken gingen. Ein geheimer Widerstand hatte sich bereits gebildet. Immer mehr Menschen wollten wieder frei auf eigenen Beinen stehen.
Der aufrührerische Freiheitsgedanke erhielt Verstärkung durch diejenigen, die mit Menschen aus den umgebenden Ländern von Krückland Beziehungen pflegten, sei es aus geschäftlichen oder persönlichen Anlässen.
Es zeigte sich zunehmend, dass Krückland inzwischen in zwei Lager aufgespalten war. Die Krückenmonarchie hatte zwar immer noch die Staatsgewalt in ihren Händen, doch die Krückenfreileute bildeten mittlerweile den überwiegenden Anteil der Bevölkerung.
Zum Glück waren die Krückländer im Grunde ihres Wesens ein friedliebendes und vernünftiges Volk. Man beschloss daher, die alten Überlieferungen zu prüfen. Gelehrte suchten in den Schriften nach dem Ursprung des Krückentragens in ihrem Lande – und schließlich wurde die wahre Geschichte wieder ans Licht gebracht.
Daraufhin einigte man sich zu guter Letzt auf eine einfache Lösung: Jeder sollte selbst entscheiden dürfen, ob er mit oder ohne Krücken gehen wollte. Es brauchte zwar noch eine Weile, doch nach und nach entschieden sich immer mehr Menschen im Alltag für die natürliche und weniger umständliche Fortbewegung auf eigenen Beinen.
Nur an den höchsten Festtagen des Reiches blieb die alte Tradition erhalten. Dann fanden im ganzen Land Umzüge und Feierlichkeiten statt, bei denen die schönsten Krückenkünste gezeigt wurden – zum Gedenken an den einstigen König.
Und so kam es, dass die Krückländer ihre Fertigkeiten bald auch in anderen Ländern hochgeschätzt sahen. Denn eine gute Krücke – und die Kunst, sie zu benutzen – kann im Falle eines Falles durchaus von Nutzen sein.
Auch zog es immer mehr Reisende in das kleine Land hinter dem Berg, um diese seltsame Tradition zu bestaunen – oder vielleicht sogar zu bewundern.
Und unsere kleine Bergbewohner-Familie lebte fortan glücklich und zufrieden in ihrem Hochtal.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie wohl noch heute …
Vielleicht sogar noch immer auf eigenen Beinen.
© Rainer Gerber
Dialog und Resonanz